Wahl zur Stadtratspräsidentin von Bern vom 12.01.2012 Antrittsrede von Ursula Marti |
||
|
Liebe Stadtratskolleginnen und-kollegen, Herr Stadtpräsident, Gemeinderätinnen
und Gemeinderäte, Angehörige des Ratssekretariats und der Stadtkanzlei,
Medienvertreterinnen und –vertreter Ich freue
mich sehr über die Wahl als Stadtratspräsidentin. Es ist für
mich eine grosse Ehre, aber auch eine grosse Verpflichtung, das Amt für
ein Jahr ausüben zu dürfen. Wir haben ein arbeitsreiches Jahr vor uns – wir werden einige Reglemente, einige Sachgeschäfte und Abstimmungsvorlagen und viele Vorstösse zu bearbeiten haben. Zudem steht das Jahr 2012 im Zeichen der städtischen Wahlen. Wir werden im Rat die zunehmende Nervosität spüren, je näher der Abstimmungstermin vom November rückt. Für Herausforderungen und Aufregung ist also gesorgt. Die Politik lebt von der Debatte, der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Denkhaltungen, der Auslegeordnung der Pro- und Contra-Argumente, dem Bewerten, Einordnen und Abwägen dieser Argumente und dem Ringen um Kompromisse. Dieser Prozess soll schlussendlich zu guten Lösungen führen. Lösungen, die eine echte Verbesserung bringen und die von einer Mehrheit der Bevölkerung verstanden und mitgetragen werden. Das Teilhaben an diesem politischen Prozess bedingt, dass man sich selber immer wieder klar wird über die eigenen Werte, dass man seine Ziele reflektiert und seine Positionen stets den neuen Entwicklungen und dem aktuellen Wissen anpasst. Es bedingt auch, dass man sich aktiv informiert und dass man auch Andersdenkenden zuhört. Das alles macht Politik für mich so wertvoll und faszinierend. Meine Erfahrung aus vielen Gesprächen ist, dass wir über die Parteigrenzen hinweg viele Werte teilen. Und dass wir – nicht immer, aber doch häufiger als man meint – sogar ähnliche Ziele haben, uns dann aber oft nicht einig sind, welches der beste Weg zum Ziel ist. Zu Wissen, dass es immer auch Verbindendes gibt, ist hilfreich und sollten wir nutzen für konstruktive Lösungen. Wenn ich
an aktuelle politische Herausforderungen denke, sind das für mich
bei weitem nicht nur die grossen Schlagworte wie etwa der Atomausstieg
oder die Finanzkrise. • Im
Kanton Bern hatten 2001 die 10 Prozent ärmsten Haushalte ein 6 mal
tieferes Einkommen als die 10 Prozent reichsten Haushalte. Nur sieben
Jahre später, 2008, war das Einkommen der Ärmsten bereits 8
mal tiefer als das der Reichsten. Der wichtigste Faktor gegen die Armut und für die soziale Gerechtigkeit – sei es im Kanton Bern oder weltweit – ist die Bildung. Das Bildungswesen – und zwar sehr breit gefasst, von Vorschulangeboten, über die Volksschule, die Aus- und Weiterbildung bis zur Nachholbildung für Erwachsene – sollte qualitativ und quantitativ ausgebaut werden. Stattdessen wird ausgerechnet dort gespart und abgebaut. Investitionen in die Bildung kosten übrigens nicht nur, sie zahlen sich wirtschaftlich sogar aus. Ich bin übrigens überzeugt davon, dass - lokal und weltweit betrachtet – soziale und ökologische Fragen eng miteinander verknüpft sind und darum nur integral gelöst werden können. Ohne soziale Gerechtigkeit werden wir auch die grossen ökologischen Herausforderungen nicht lösen können und umgekehrt. Ich bin mit Leib und Seele Milizpolitikerin und mir gefällt es, wenn es hier im Stadtrat lebhaft und engagiert zu und her geht. Ich bin der Meinung, dass alle, die etwas Wesentliches zur Debatte beizutragen haben, zu Wort kommen sollen – Parlament kommt schliesslich von parlare. Die Debatten sind aber nur dann fruchtbar und förderlich, wenn sie auch tatsächlich der Sache dienen. Unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit sind beschränkt – wir haben alle 2 Wochen 4 Stunden Sitzungszeit und es gilt, diese wertvolle Zeit mit jenen Themen zu füllen, die für die Stadt Bern und die Bevölkerung auch tatsächlich wesentlich sind. Ich masse mir nicht an, zu bestimmen, was das ist. Ich bitte aber alle Fraktionen und Mitglieder des Stadtrats, sich bei der Sitzungsvorbereitung und auch während den Sitzungen, immer wieder die Frage nach dem Wesentlichen zu stellen. – Und sich danach zu verhalten. Manchmal
hilft dabei ein Perspektivenwechsel. Stellt euch vor, ihr seid als Touristin
oder Tourist in der Stadt Bern und verirrt euch auf die Zuschauertribüne
des Rathauses, zufälligerweise gerade während einer Stadtratssitzung.
Was muss hier unten ablaufen, damit ihr dort oben am Schluss sagen könnt?:
“Doch, das Parlament hat wichtige Entscheide zu fällen und
die Politikerinnen und Politiker haben mich richtig gepackt mit ihren
spannenden Argumenten und den kurzweiligen Voten.“ Ich von meiner Seite her verspreche euch, dass ich mich mit bestem Wissen und Gewissen einsetzen werde, um
Mit diesem letzten Punkt bin ich bei dem Thema angelangt, das ich mir als Leitmotiv für das Präsidialjahr vorgenommen habe. Ich möchte das Jahr nutzen, um den Stadtrat noch besser zu vernetzen und den Austausch über die Gemeinde-, ja sogar über die Landesgrenzen zu pflegen. Es ist offensichtlich, viele politische Geschäfte – Überbauungen, Tramlinien, öffentliche Infrastrukturen und Dienstleistungen – müssen heute gemeindeübergreifend geschaffen werden. Ich bin überzeugt: die Basis guter, gemeinsamer Lösungen ist gegenseitiges Vertrauen und das kann man am besten aufbauen, indem man sich persönlich trifft und die Gelegenheit hat, sich als Mensch kennenzulernen. Um das zu fördern, braucht es konkrete Aktivitäten:
Der Austausch hilft uns nicht nur beim Finden von gemeinsamen Lösungen. Er hilft uns auch, unser Blickfeld zu vergrössern und offener – vielleicht auch etwas kreativer und mutiger zu werden. Der Austausch kann uns zudem helfen, eigene Errungenschaften wieder mehr zu schätzen, weil wir sehen, dass diese nicht selbstverständlich sind. Ich freue mich auf spannende Begegnungen in diesem Jahr.
|
||
|
|
|