Fraktionserklärung der SP/JUSO-Fraktion zur Motion „Pilotprojekt Betreuungsgutscheine“
von Ursula Marti

   

Geschätzte Kolleginnen und Kollegen

Wir haben uns sehr intensiv mit der Motion auseinander gesetzt, da sie ja einen Gegenvorschlag zu unserer Initiative „Kitas ohne Wartelisten“ verlangt.

Die Motion stellt die Frage nach dem Finanzierungssystem ins Zentrum – also Gutscheine versus Leistungsverträge. Nach unserer Ansicht ist das überhaupt nicht die zentrale Frage. Entscheidend für ein gutes Kita-Angebot sind für uns ganz andere Punkte, nämlich die folgenden:

1. Sicherzustellen, dass es genügend subventionierte Plätz gibt, um den Bedarf zu decken. Mit den über 1000 bestehenden Plätzen sind wir schon weit fortgeschritten, aber wir sind noch nicht am Ende. Wir müssen noch etwa 200 bis 300 Plätze mehr subventionieren können, damit der Bedarf gedeckt werden kann. Die 200-300 Plätze sind übrigens nicht nur neu zu schaffende Plätze, sondern auch bestehende private Plätze, die heute wegen der Beschränkung der Mittel noch nicht subventioniert werden können.
2. Sicherzustellen, dass die angebotene Plätze alle eine gute Betreuungsqualität aufweisen. Denn nur so können die Kinder auch gefördert werden. Die Kita ist nicht ein Aufbewahrungsort für Kinder, während dem die Eltern arbeiten, es ist ein Ort, an dem sie spielerisch Neues entdecken und lernen können, also auch Frühförderung erfahren. Zur Betreuungsqualiät gehört für uns auch eine soziale Durchmischung der Kinder.
3. Fair mit dem Personal umgehen, was Löhne (die ohnehin nicht sehr hoch sind), Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzsicherheit angeht. Das trägt auch zu einer tiefen Fluktuation bei, was ein zentraler Faktor für die Betreuungsqualität ist.
4. Private und städtische Kitas dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es ist für uns selbstverständlich, dass die privaten Kitas ein wichtiger Teil des Systems sind, mehr als die Hälfte der subventionierten Plätze sind ja schon heute bei privaten Kitas.

Wir fordern bekanntlich einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Sobald dieser einmal gelten sollte, muss jeder private Platz, der durch ein anspruchsberechtigtes Kind besetzt ist, subventioniert werden. Das, sofern die entsprechende Kita das überhaupt will und sich wie alle andern an die entsprechenden Vorgaben hält.

Für diese vier Punkte – genug subventionierte Plätze, Betreuungsqualität, fairer Umgang mit dem Personal, partnerschaftliches Nebeneinander zwischen den Kitas,
werden wir weiterhin vehement kämpfen, unabhängig vom Finanzierungssystem.

Wir haben uns die Frage gestellt, mit welchem System die genannten, für uns wichtigen Punkte am besten umsetzbar sind. Der grosse Teil der Fraktion ist der Meinung, dass das mit Leistungsverträgen am besten geht, d.h. dass man zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keinen Systemwechsel machen soll.
Ein kleine Minderheit, würde Betreuungsgutscheine befürworten – aber ganz klar nur in Kombination mit einem Rechtsanspruch und sicher niemals mit der Forderung, gleichzeitig auch die Finanzen zu beschränken, so wie das die Motion fordert.
Was ohnehin systemwidrig ist. Der „Witz“ der Betreuungsgutscheine ist ja gerade, dass ein Anreiz für die Schaffung neuer Plätze gemacht wird, dort wo das der Staat nicht selber machen will. Das kostet aber Geld. In Luzern sind genau deswegen viele neue Plätz entstanden, weil die Stadt sehr viel zusätzliche Mittel eingesetzt hat. Die neuen Plätze sind nicht wegen den Gutscheinen entstanden, sondern wegen den Subventionen, die geflossen sind. Man hätte diese Plätze genauso mit Leistungsverträgen schaffen können.

Ich möchte generell noch etwas zum Projekt von Luzern sagen, weil das ja in der Motion als Vorbild genannt wird:
- In Luzern haben sich die Preise für die Eltern durch das Gutscheine-System stark erhöht. In Luzern zahlen die Eltern massiv höhere Beiträge als in Bern, trotz kürzerer Öffnungszeiten. Es gibt eine Tabelle, die die grosse Unterschiede aufzeigt. So bezahlen die Eltern eines 4-Personenhaushalts (2 Eltern, 2 betreute Kinder) mit einem Brutto-Einkommen von 6066 Franken in Luzern Fr. 2730.- und in Bern 760.- für die Betreuung ihrer beider Kinder.

- Es kommt in Luzern immer wieder vor, dass die privaten Kitas dem Geld nachrennen müssen. Die Stadt zahlt den Familien den Gutschein aus, aber diese geben das Geld nicht an die Kita weiter. Mit einer Direktzahlung des Staates wären die Kitas wahrscheinlich glücklicher.
- Es gibt erste Anzeichen, dass der Markt nach der ersten Euphorie gar nicht so gut spielt, wie man sich erhofft hat. Es zeigt sich, dass sich die privaten Trägerschaften „automatisch“ an jedem Ort, wo es sie brauchen würde, niederlassen.

Nach diesem Exkurs nach Luzern möchte ich wieder auf die Motion von Bern zu sprechen kommen:
Ich möchte noch aufzeigen, welche Chancen, aber auch Gefahren wir beim System der Betreuungsgutscheine sehen:
- Die Chance sehen wir darin, dass es einen zusätzlichen Anreiz gibt für Kitas, Angebot und Qualität möglichst gut auszugestalten, das anerkennen wir.
- Die Wahlfreiheit der Eltern, die immer als grossen Vorteil dargestellt wird, ist für uns eher ein trügerisches Argument. Es suggeriert, dass die Eltern nur mit dem Gutschein winken müssen und die auserwählte Kita nimmt das Kind auf. Das wird in vielen Fällen gar nicht möglich sein, da ja nicht unbeschränkt Plätze frei sind. Im Endeffekt muss man vielleicht sogar froh sein, wenn nach langem Suchen überhaupt eine Kita das Kind aufnimmt. Es bräuchte also zusätzlich einen Rechtsanspruch, um auf sicher einen Platz zu erhalten.
Weitere Nachteile und Gefahren eines Systemwechsels sind:
- Alle, die vielen privaten Kitas, die heute einen Leistungsvertrag mit der Stadt haben, verlieren diesen. Dabei geht es um über 600 Plätze. Die Kitas haben somit keine Planungssicherheit mehr, das kann sich z.B. negativ auf die Arbeitsbedingungen auswirken, z. B. nur noch beschränkte Arbeitsverträge oder sogar Arbeit auf Abruf.
- Ein kompletter Systemwechsel würde eine riesige Umwälzung bedeuten, das wird nicht ohne Schäden und Zusatzkosten gehen.
- Die soziale Durchmischung in den Kitas ist schwieriger durchzusetzen, das weiss man aus bisherigen Erfahrungen mit Betreuungsgutscheinen.
- Ein System mit Leistungsverträgen und einer zentralen Vermittlungsstelle ist insgesamt viel effizienter. Wenn die Anmeldungen für Kitas zentral koordiniert werden, weiss die Stadt immer, in welchem Quartier, zu welchem Zeitpunkt, wieviele Plätz nötig sind und kann diese gezielt planen und bereit stellen. Mit Gutscheinen ist das schlichtweg unmöglich. Die neue zentrale Vermittlungsstelle, die der Stadtrat verlang hat, verliert ihren Zweck.

Aus diesen Gründe lehnt die SP/JUSO-Fraktion das Gutscheinesystem ab. Das absolute „Killer-Argument“ gegen die Motion, auch für die unter uns, die sich ein Gutscheinesystem grundsätzlich vorstellen könnten, ist aber der Punkt 1d, der – systemwidrig – die Beschränkung der Mittel verlangt.

Die SP/JUSO-Fraktion lehnt die Motion ab, ist aber bereit sie als Postulat anzunehmen und den Prüfungsbericht zu genehmigen.

Fall es eine punktweise Abstimmung gibt, könnten wir einige der geforderten Punkte von der Stossrichtung her unterstützen, müssen sie aber konsequenterweise ablehnen, da sie nach Motionstext an das System der Betreuungsgutscheine gekoppelt sind.

18.02.10 / Ursula Marti